{"id":1196,"date":"2020-11-24T16:53:30","date_gmt":"2020-11-24T15:53:30","guid":{"rendered":"https:\/\/berlinerverlagspreis.de\/?page_id=1196"},"modified":"2021-05-04T08:13:15","modified_gmt":"2021-05-04T06:13:15","slug":"laudatio-edition-orient","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/berlinerverlagspreis.de\/?page_id=1196","title":{"rendered":"Laudatio Edition Orient"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:2%\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:96%\">\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"535\" src=\"https:\/\/berlinerverlagspreis.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/laudatio-berenberg-1024x535.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1232\" srcset=\"https:\/\/berlinerverlagspreis.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/laudatio-berenberg-1024x535.png 1024w, https:\/\/berlinerverlagspreis.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/laudatio-berenberg-300x157.png 300w, https:\/\/berlinerverlagspreis.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/laudatio-berenberg-768x402.png 768w, https:\/\/berlinerverlagspreis.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/laudatio-berenberg-200x105.png 200w, https:\/\/berlinerverlagspreis.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/laudatio-berenberg-400x209.png 400w, https:\/\/berlinerverlagspreis.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/laudatio-berenberg-600x314.png 600w, https:\/\/berlinerverlagspreis.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/laudatio-berenberg-800x418.png 800w, https:\/\/berlinerverlagspreis.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/laudatio-berenberg.png 1178w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Laudatio auf die Edition Orient<\/h2>\n\n\n\n<p><em>Von Heinrich von Berenberg, Mitglied der Jury des Berliner Verlagspreises 2020<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein sympathischeres, notwendigeres Programm wie das der Edition Orient kann man sich in diesen Zeiten gar nicht vorstellen. Dieser kleine Verlag wurde 1980 bereits gegr\u00fcndet. Stephan Trudewind, der gegenw\u00e4rtige Verleger, hat ihn in die modernen Zeiten gef\u00fchrt, in denen das Miteinander von Menschen aus verschiedenen sprachlichen, ethnischen und religi\u00f6sen Kulturen in Deutschland eigentlich selbstverst\u00e4ndlich sein sollte, aber wie wir alle wissen und jeden Tag sehen k\u00f6nnen, immer noch nicht ist. Deshalb m\u00fcssen Verlage wie die Edition Orient gef\u00f6rdert werden, und deshalb bekommt dieser Verlag auch den Berliner Verlagspreis.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist gar nicht so leicht, das Universum zu durchdringen, das dieser Verlag \u00fcber die Jahre geschaffen hat. Der gro\u00dfe gemeinsame Nenner aller dieser B\u00fccher ist die gegenseitige Durchdringung der sogenannten Fremdsprachen, vor allem der Au\u00dfereurop\u00e4ischen. Hier, in diesen B\u00fcchern, die ja vor allem f\u00fcr Kinder gemacht sind, kann man nachlesen und sehen, wie aus dem scheinbar selbstverst\u00e4ndlichen Begriff \u00bbFremdsprache\u00ab das Wortteil \u00bbFremd\u00ab mit leichter Hand herausoperiert werden kann. Gegenseitige sprachliche und kulturelle Durchdringung \u2013 das scheint mir eine der sch\u00f6nen Absichten hinter dem Programm dieses Verlags zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Sprache wie das Arabische, in Wort und Schrift f\u00fcr Europ\u00e4er immer noch ein undurchdringliches schriftliches, sprachliches und akustisches R\u00e4tsel \u2013 hier wird es, in den zahlreichen Arabisch-deutschen Kinderb\u00fcchern, die in der Edition Orient erscheinen, graphisch und mit wunderbaren Illustrationen aufgekl\u00e4rt, aufgew\u00e4rmt und zu etwas, das man, selbst wenn man keine Ahnung davon hat, anf\u00e4ngt, vorsichtig zu durchdringen. Viele dieser B\u00fccher liest man von rechts nach links, nicht nur, weil das Arabische nun mal so l\u00e4uft, sondern auch, das ist die deutlich erkennbare und ganz und gar spielerische Absicht, weil es Spa\u00df macht und erhellend ist, diese Umkehrung auch f\u00fcr europ\u00e4ische Sichtgewohnheiten nachzuvollziehen und nachzulesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nicht, wie Kinder auf die B\u00fccher von z.B. Farideh Chalatbarie, Chitra Soundar und Kanika Nair (um nur einige wenige aus den neueren Programmen zu nehmen) reagieren. Als Vater zweier Kinder und die langj\u00e4hrige Lekt\u00fcre von deutschen und englischen Kinderb\u00fcchern gewohnt, habe ich mir beim Lesen und Anschauen der Kinderb\u00fccher aus dem Arabischen, Persischen, dem Tamilischen, Georgischen etc. jedenfalls gedacht, dass Kinder hier in Deutschland gar nicht besser an die beginnende und immer st\u00e4rker in das Alltagsleben gerade dieser Kinder eingreifende Gegenwart anderer Sprachen gew\u00f6hnt werden k\u00f6nnen als mit diesen wunderbaren B\u00fcchern.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den zahllosen westlichen Vorurteilen gegen\u00fcber dem Arabischen z\u00e4hlt in Europa immer noch die herablassende Feststellung, dass das Arabische seine beste Zeit vor vielen Jahrhunderten gehabt habe und danach bis heute in einen lethargischen, islamisch und despotisch diktierten Tiefschlaf gefallen sei. Der Schwachsinn solcher Behauptungen hat sich inzwischen herumgesprochen. Ich erinnere mich noch gut an die verbl\u00fcffte Emp\u00f6rung von Teilen des Feuilletons, als der \u00c4gypter Nagib Mahfuz 1988 den Nobelpreis f\u00fcr Literatur erhielt, \u00fcbrigens einer der wichtigsten Autoren im Erwachsenenprogramm des Verlags mit seinen arabisch\/deutschen Ausgaben. Wie sensibel hingegen, und wie modern l\u00e4ngst auf Arabisch gedacht, geschrieben, gezeichnet und gemalt wird, l\u00e4sst sich nirgends im deutschen Sprachraum in einer solch wertvollen Vielfalt und Reichhaltigkeit in einem Verlagsprogramm besichtigen wie im Programm der Edition Orient. Es ist geradezu ein Manifest gegen solche ausgrenzenden Vorurteile. Man findet hier Illustratoren und Autoren, die nicht aus der m\u00e4rchenhaften Vergangenheit, sondern mitten aus der politischen und gesellschaftlichen Gegenwart des Nahen Ostens ihre Motive ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re verk\u00fcrzt, wollte man diesen Verlag auf die Spielwiese des Arabischen reduzieren. Es sind hier gerade in den letzten Jahren Kinderb\u00fccher auf Deutsch\/Spanisch, Portugiesisch\/Deutsch, Kurdisch\/Deutsch, T\u00fcrkisch\/Deutsch, Georgisch\/Deutsch erschienen. Und es werden mitunter mit leichter Hand und auf wenigen Seiten, mithilfe sch\u00f6n und auch raffiniert gestalteter und aufbereiteter Illustrationen, gro\u00dfe Themen der Gegenwart beackert. \u00bbMigrar\u00ab (auswandern) hei\u00dft ein kleines Buch der Mexikaner Javier Martinez Pedro und Jos\u00e9 Manuel Mateo \u00fcber die Menschen, die in Zentralamerika vor Armut und Gewalt und auf der Suche nach Arbeit und einem menschenw\u00fcrdigen Leben nach Norden fliehen. Ein Kinderbuch wohlgemerkt, und was f\u00fcr eines! \u00bbF\u00fcr Kinder ab 4 Jahren ein Wimmelbuch \u2013 f\u00fcr Jugendliche ein sozialkritisches Buch \u00fcber Migration in Mittelamerika \u2013 f\u00fcr Erwachsene ein bibliophiles Kunstwerk\u00ab, so wird es auf der Website beschrieben. Mithilfe behutsamer Texte, einer sch\u00f6nen, leporelloartigen Gestaltung und sch\u00f6nen Illustrationen wurde daraus ein \u00bbAll Age Kunstwerk\u00ab, wie es die Neue Z\u00fcrcher Zeitung bewundernd nennt. Es ist nicht das einzige, das mit mehreren Auszeichnungen geschm\u00fcckt worden ist. Der Verlag hat mit seinen B\u00fcchern bereits zahlreiche, \u00fcbrigens auch internationale Preise erworben. Das liegt vor allem auch an den gro\u00dfartigen Illustratoren, die, genauso wie die Autoren, aus fernen L\u00e4ndern kommen und denen hier in der Edition Orient eine B\u00fchne geboten wird, auf der sie ihre Kunst vor einem verw\u00f6hnten deutschen Publikum vorstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo Verleger Stephan Trudewind sie aufst\u00f6bert, habe ich mich gefragt. Wie findet man \u00dcbersetzer aus dem Tamilischen oder dem Malayanischen, also dem Indisch, das im Bundesstaat Kerala gesprochen wird? Wie gelangt man an Autorinnen wie Anushka Ravishankar oder Illustratorinnen wie die die Kommunikationsdesignerin Kanyika Kini? Er wird es wissen. Jedenfalls kann man auch hier ein offenbar \u00fcber die Jahre und Jahrzehnte gereiftes kulturelles Netzwerk besichtigen, das offenbar ganz hervorragend funktioniert. Welches die die Absichten, die Ideen, die Vorlieben, Leidenschaften hinter diesem einmaligen Verlagsprogramm sind, und wie die Praxis aussieht, l\u00e4sst sich \u00fcbrigens in einer Doku-Serie ansehen, die sich ungew\u00f6hnlichen beruflichen Lebensl\u00e4ufen widmet und wo der Verleger berichtet, was es mit diesem Verlag auf sich hat. Das Anschauen lohnt sich: <a href=\"https:\/\/theartofpeople.de\/trudewind\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/theartofpeople.de\/trudewind\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Den Berliner Verlagspreis bekommt die Edition Orient auch, weil der Verlag etwas fortf\u00fchrt, was schon die Gr\u00fcnder beabsichtigten, 1980, zu einer Zeit, als wie erw\u00e4hnt das Arabische in den Feuilletons als Literatursprache nicht ernst genommen wurde. Neben den Romanen und Erz\u00e4hlungen des Nobelpreistr\u00e4gers Nagib Mahfuz erscheinen in zweisprachigen Ausgaben auch die Gedichte des Syrers Fouad El-Auwad, die Erz\u00e4hlungen des Irakers Abdulrahman Majid al-Rubaie, B\u00fccher von Taha Hussein und von Adonis. Auch die Erinnerungen an die Kindheit auf dem Land in \u00c4gypten, die Sayyid Qutb in den vierziger Jahren aufschrieb, zwanzig Jahre bevor er als Islamist und Anf\u00fchrer der Muslimbr\u00fcder zu einer Reizfigur nicht nur des Westens wurde, hat sich dieser Verlag getraut, weiter im Programm zu behalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich begl\u00fcckw\u00fcnsche nicht nur Stephan Trudewind zu diesem hoch verdienten und l\u00e4ngst f\u00e4lligen Verlagspreis, sondern auch die gewi\u00df zahlreichen Mitarbeiterinnen, Zutr\u00e4ger und guten Geister, die f\u00fcr das Funktionieren und die Zukunft dieses gesellschaftlich unverzichtbaren Kulturgebildes namens Edition Orient unverzichtbar sein d\u00fcrften.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Laudatio wurde am 24. November 2020 live auf dem digitalen Empfang im Anschluss an die Verleihung des Berliner Verlagspreises vorgetragen. Foto der Preistr\u00e4ger: Tim Holland<\/em><\/p>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:2%\"><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laudatio auf die Edition Orient Von Heinrich von Berenberg, Mitglied der Jury des Berliner Verlagspreises 2020 Ein sympathischeres, notwendigeres Programm wie das der Edition Orient kann man sich in diesen Zeiten gar nicht vorstellen. Dieser kleine Verlag wurde 1980 bereits gegr\u00fcndet. 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